Wir haben Ungarn im Regen verlassen, und im Regen treffen wir in Satu Mare ganz im Nordwesten Rumäniens ein. Um unsere nassen Zelte und Klamotten zu trocknen mieten wir uns eine Wohnung. Und da das Wetter am nächsten Tag keine Besserung verspricht, machen wir gleich zwei Nächte daraus. So können wir einen Tag Pause einlegen, um den Regen an uns vorbeiziehen zu lassen und im Trockenen in den TET einzusteigen. Wir besuchen das Stadtzentrum, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen, die im ausgehängten Slogan „Mehr als Sie denken“ versprochenen Highlights können wir dagegen nicht finden  Dafür aber einen Kiosk, der verdächtig nach einem ehemaligem KTM-Händler aussieht. Den Tag Pause nutzen wir für kleinere Wartungsarbeiten, Sortieren von Fotos und Regeneration.

Zwei Tage später lässt die versprochene Wetterverbesserung weiter auf sich warten. Wiederwillig ziehen wir unsere Regenkleidung über und lassen unsere Räder das erste Mal über den Trans-Euro-Trail rollen. Führt dieser zunächst noch über Asphalt durch einige Dörfer hindurch bis nach Sighetu Marmaţiei, wechselt der Belag nach dem Abbiegen in eine Seitengasse schnell zu einer Schlaglochpiste, dann Schotter und schließlich Lehm. Durch den anhaltenden Regen der letzten Tage ist dieser komplett aufgeweicht und setzt die Reifen vollständig zu, Vorder- und Hinterrad streben in verschiedene Richtungen und Koffer und Taschen erleben ihren ersten Bodenkontakt. Nach wenigen hundert Metern steht fest: Hier ist heute kein Durchkommen. Der Blick in die Ferne offenbart einige steile Anstiege, die mit unseren Motorrädern bei diesen Bedingungen nicht zu bewältigen sind. Nass und niedergeschlagen buchen wir ein Hotel mit Sauna und kürzen einen Teil des Tracks über Asphalt ab. Nach den ersten Schritten mit unseren lehmigen Stiefeln in die Lobby die erschreckende Erkenntnis: Das ganze Hotel ist mit Teppich ausgelegt, es gibt keinen Aufzug, und unser Zimmer ist ganz oben! Mit schlechtem Gewissen tragen wir auf leisen Sohlen unsere Taschen nach oben und die gesamte Belegschaft kann anhand unser Krümelspur den Weg zu unserem Zimmer folgen. Nach dem verregneten Tag wollen wir uns endlich im angepriesenen SPA und Sauna durchwärmen, doch es folgt die nächste Enttäuschung: Alles ist geschlossen, angeblich wegen Reparaturarbeiten. Unser Gewissen ist wegen des dreckigen Flurs auf einmal doch nicht mehr so schlecht.

Am nächsten Morgen machen wir uns wieder auf den Weg zum nächsten Einstiegspunkt in den TET, und klettern mit den Motorrädern über einen Asphaltpass in ein stillstehendes Skigebiet. Mit jeder Kurve, die wir erklimmen, sinkt die Temperatur. Ganz oben sind es dann nicht einmal mehr 1°C. Überall liegt noch Schnee, und auf dem ganzen Pass treffen wir nur zwei weitere Fahrzeuge an. 

Wenig später finden wir unseren Abzweig, und in engen Schotterserpentinen überholen wir einen Räumungstrupp, der die Straße von umgestürzten Bäumen und abgebrochenen Ästen befreit. Je höher wir kommen, desto mehr Schnee liegt wieder neben und auf dem Weg. Durch einzelne Schneewehen kämpfen wir uns durch, bis quer auf der Straße eine umgestürzte Tanne liegt: So weit hat es der Räumungstrupp wohl noch nicht geschafft. Einige flinke Axthiebe später haben wir auch dieses Hindernis überwunden, um 50 Meter weiter in der nächsten Schneelage stecken zu bleiben. Unter 30cm Schnee finden wir dieses Mal allerdings keinen Schotter, sondern eine Schicht Eis. Die GPS Daten versprechen eine rettende Asphalt-Straße hinter den nächsten zwei Biegungen, ca. 500m entfernt. Doch wenn wir die Bikes nicht alle einzeln durch den Schnee schleppen wollen, bleibt uns nichts anderes übrig als umzudrehen, und die etwas längere, befestigte Straße zu nutzen. 

Müde biegen wir in einen Forstweg ein und schlagen unser Nachtlager an einem befestigten Unterstand neben einem rauschenden Bach auf.

Von leichtem Sonnenschein geweckt, folgen wir am nächsten Tag bei gutem Wetter dem Track weiter Richtung Süden. Das Thermometer erreicht erstmal wieder 15°C und wir machen heute gut Kilometer. Und obwohl für den nächsten Tag wieder Regen angesagt ist, biegen wir abends in eine abgesperrte, aber leere Weide ab, und haben die rumänischen Weiten heute Abend ganz für uns allein. Nach einem Abend am Feuer und einer ruhigen Nacht wachen wir auf, zu auf den Zelten prasselnden Regentropfen und dem Läuten von Kuhglocken. Irgendwann am frühen Morgen haben wohl Hirten eine Herde auf die Weide getrieben, und unter den neugierigen Blicken der Kühe und Pferde brechen wir unser nasses Camp ab.

Da wir ohne Frühstück aufgebrochen sind, halten wir an einem vielversprechenden Trdelink Stand an, sobald wir aus dem Wald heraus auf die nächste befestigte Straße gelangen. Tagesziel für heute ist Brașov, die zweitgrößte Stadt Rumäniens.

Bereits auf dem Weg nach dorthin bemerken wir die ersten Veränderungen im Land. Während der Norden Rumäniens nur von Forstwirtschaft, Auto- und Reifenservice-Stationen zu leben scheint, säumen auf dem Weg in den Süden erstmals auch Äcker und bepflanze Felder die Straßen. In Brașov angekommen, beschlagnahmen wir wieder ein Appartment, um unsere Sachen zu trocknen. Auf dem Weg in das nächste Einkaufszentrum ist zum ersten Mal ein Querschnitt durch alle Altersklassen auf den Straßen zu sehen, dagegen schien der Norden des Landes von allen jüngeren Generationen verlassen zu sein. Die Stadt sieht dagegen nach starkem Wachstum aus, entlang unseres Wegen reihen sich die neugebauten und noch im Bau befindlichen Wohnblocks aneinander.

Allgemein sind uns einige Dinge in diesem Land aufgefallen, die wir so nicht erwartet hätten:

  • Die Hälfte des Landes ist eine 30er Zone. Diese schein allerdings eher als Empfehlung gesehen zu werden, da jedes 30km/h fahrende Fahrzeug eher eine mobile Straßenblockade darstellt
  • Dagegen stellen Bahnübergänge ein für rumänische Fahrer nahezu unüberwindbares Hindernis dar. Jedes Mal, wenn Bahnschienen die Straße kreuzen, bildet sich ein kleiner Stau, da auf Schrittgeschwindigkeit abgebremst oder sogar angehalten wird. Dabei zeugen Rost und wucherndes Gestrüpp davon, dass diese Gleise schon lange nicht mehr in Verwendung sind. Vielleicht sind wir aber auch nur durch unsere Enduro-Fahrwerke verwöhnt.
  • Rumänische Hunde hassen Motorräder von ganzem Herzen! Jedesmal, wenn wir eine Weide oder einen Hof passieren, werden unsere knatternden Einzylinder als die ultimative Bedrohung erfasst und müssen sofort verjagt werden. Wir warten noch darauf, dass uns ein besonders Eifriger Bewacher zwischen die Reifen läuft
  • Pferdekarren sind ein bei weitem üblicheres Verkehrsmittel als erwartet. Sorgten die ersten Verbotssschilder an den Hauptstraßen noch für ein Schmunzeln, wurden wir spätestens in den ersten kleinen Dörfern eines besseren belehrt.
  • Die Pferdekarren sind gleichzeitig Beispiel für die große Spanne zwischen Arm und Reich im Land. Durch die gleichen Dörfer fahren auch moderne deutsche Autos, und zwischen ärmlich aussehenden Häusern taucht immer wieder eine umzäunte Villa auf
  • Einige Orte scheinen durchaus auf Tourismus ausgelegt zu sein, nur haben wir nirgendwo Gäste angetroffen. Egal ob wir mal in einem Hotel übernachten oder in ein größeres Restaurant gehen, die Belegschaft ist den Gästen zahlenmäßig meist überlegen. Und vertreibt sich die Zeit mit Rauchen oder Youtube-Videos auf Zimmerlautstärke
  • Motorradfahrer auf Reiseenduros scheinen in Rumänien ein eher seltener Anblick zu sein. Egal ob bei der Durchfahrt eines Dorfes oder auf dem Supermarktplatz, überall werden wir und die Motorräder angestarrt. Und wer während des Einkaufens auf diese aufpasst, wird mehr als einmal von Neugierigen angesprochen. Überraschanderweise meist auf brüchigem Deutsch, denn viele Rumänen scheinen in Deutschland gearbeitet oder Verwandte dort zu haben.
  • Egal mit wem wir sprechen, dem Trdelnik-Verkäufer am Straßenrand oder der Vermieter eines Apartments, wir finden wenig Verständnis für unsere Reise. Dem ersten skeptischen Blick folgt die Frage: "Warum, die Staßen hier sind doch so schlecht?" Und auch die Erklärung, dass wir eher durch Wälder und Berge fahren, hilft dem Verständnis nicht.
  • Einfacher in der Kommunikation sind da die Kinder, egal wo wir durchfahren wird uns die Gashand gezeigt. Dem Wunsch kommen wir gerne nach.
  • Das Konzept des Bürgersteigs scheint in den meisten Orten noch nicht angekommen zu sein. Entweder ist gar keiner vorhanden, oder er ist komplett zugebaut. Von der Mutter mit Kinderwagen zum Opa mit eine Schubkarre Holz laufen alle auf der Straße.

Nach Brasov und dem schlechten Wetter wollen wir eigentlich auf direktem Weg Richtung Bulgarien fahren, aber ein paar Sonnenstrahlen locken uns dann doch wieder auf die Tracks. An einer Müllkippe vorbei wühlen wir uns bei einsetzendem Regen den Berg hoch, und treffen hier die ersten Menschen, die außer uns noch zum Vergnügen in den Bergen unterwegs sind. Eine Gruppe rumänischer Mountainbiker aus Bukarest rutscht und schlittert uns entgegen den Hang hinab. Sie warnen uns vor Schnee auf den nächsten Kilometern, doch wir verabschieden uns um es trotzdem zu versuchen. Wir sollten die Gruppe nicht zum letzten Mal sehen. Bis auf 1600m können wir den Track noch erklimmen, bis wir tatsächlich wieder wegen Schnee und Eis auf dem Weg umdrehen müssen. In den höheren Lagen haben wir zwar durchaus Schnee erwartet, aber nicht, dass noch so viel davon auf den Wegen liegt. Auf dem Weg ins Tal zurück überholen wir die lachend winkende Mountainbike-Truppe wieder. Dann biegen wir versehentlich in einen steilen Fußweg ab, und während wir noch mit Mühe die Motorräder wenden, überholen uns die Mountainbiker wieder. Sobald wir aus den Bergen heraus sind wird uns ungewöhnlich warm, und ein Blick auf das Thermometer offenbart tatsächlich zum ersten Mal Temperaturen über 15°C. Wir machen uns auf die Suche nach einem Platz zum Übernachten, was aufgrund der dichten Bebauung durch die Nähe zur Hauptstadt Bukarest erschwert wird. An einem abgelegenen Fluß schlagen wir schließlich die Zelte auf, um uns dann am nächsten Tag endlich nach Bulgarien zu begeben.

Was uns wohl am meisten gewundert hat: Trotz seiner Popularität bei Enduro-Fahrern haben wir im ganzen Land nicht einen einzigen gesehen, wir sind wohl tatsächlich weit außerhalb der Saison unterwegs.